Biomechanik

Die Biomechanik hilft uns, schneller zu erkennen, ob das Pferd sich richtig bewegt oder ob es eine Schonhaltung einnimmt. Sie befasst sich mit den Funktionen und Strukturen des Bewegungsapparates und nutzt das Wissen aus den Bereichen Anatomie, Biologie, Physik und Mathematik. 

Es werden Bewegungsabläufe in einem biologischen System und deren Funktion umschrieben. Die Anatomie der Biomechanik besteht aus Bewegungseinheiten. Eine Bewegungseinheit besteht aus zwei gegenüberliegenden Gelenkflächen und den dazwischenliegenden Weichteilstrukturen. 

Aus biomechanischer Sicht ist es wichtig zu wissen, dass Bewegung nicht nur in den zu einem Gelenk gehörenden Muskeln stattfindet. Bewegungen haben immer einen "Domino-Effekt".

Nichts ist schöner, als wenn ein Pferd seinen Rücken "loslässt" und man als Reiter das wunderbare Gefühl hat, mitgenommen zu werden. Dafür braucht das Pferd einen gesunden, beweglichen und starken Hals und Rücken und - nebenbei gesagt - einen gut ausbalancierten Reiter. 

 

Das geschulte Auge erkennt frühzeitig kompensatorische Bewegungsabläufe, die darauf zielen, eine Schwachstelle zu schonen und andere Körperregionen überproportional zu belasten. Falls das Pferd kompensatorische Bewegungsmuster annimmt, entwickelt sich als Folge einer Entlastung ein verändertes Gangbild. 

 

Es verändert sich dabei auch die natürliche Balance der Muskelmasse (Aufbau falscher und Abbau richtiger Muskeln). Daraus resultierende Bewegungseinschränkungen und Leistungsabfall führen bei Reitern zu Problemen und Frustration. Unvermeidbare Folgen können zu Schäden am Bewegungsapparat führen. 

Im Bild deutlich zu sehen, ist hier ein schlecht bemuskeltes Pferd mit deutlichem Unterhals.

Gut zu erkennen ist eine Delle vor dem Schulterblatt und die zu wenig ausgeprägte Hinterhandmuskulatur. 

Die Bauchmuskeln sind ebenfalls schwach. 

Dieser Muskelaufbau lässt darauf schließen, dass das Pferd nicht von hinten schieben, über den Rücken gehen und seinen Hals beim Reiten selber tragen kann. 

Ein Zeichen für einen losgelassenen Rücken beim Reiten ist zum Beispiel, dass sich das Pferd im Trab bequem sitzen lässt. 

Aber wie erkennen wir, dass bei unserem Pferd in der Wirbelsäule alles in Ordnung ist?

Erste Anzeichen für ein Unwohlsein des Pferdes können schon beim Putzen erkennbar werden. Möglicherweise verhält sich das Pferd unruhig, zappelt herum, oder drückt den Rücken oder den Hals weg. Unter Umständen zeigt es auch Widersetzlichkeiten beim Satteln. 

Auch beim Aufsitzen könnte es einen "Katzenbuckel" machen, den Rücken wegdrücken und im extremsten Fall, in die Knie gehen. 

Auch eine organische Krankheit wie zum Beispiel eine Erkrankung der Leber oder Lunge kann sich sekundär auf den Rücken auswirken. 

 

Haben wir ein Pferd, das lange braucht, um sich loszulassen? Ist eine Seite deutlich steifer als die andere? 

Pferde mit Hals- und Rückenproblemen können auch Taktfehler und Lahmheiten zeigen. Diese Pferde können kein Gewicht mehr auf der Hinterhand aufnehmen. Sie laufen vermehrt auf der Vorhand und liegen auf dem Zügel. 

Ist der Rücken in seiner normalen Beweglichkeit eingeschränkt, wird sich dies auch auf die Schrittlänge auswirken. Die Pferde werden kürzertreten. 

Bereits nur eines dieser Symptome zeigt uns als aufmerksamen Reiter, dass ein Problem im Bereich der Wirbelsäule vorliegt. 

Dies kann zu einem Leistungsabfall oder auch zur Arbeitsverweigerung führen. 

Je entspannter ein Pferd stehen kann, desto weniger Muskelkraft muss es einsetzen. Ein Zeichen für eine Funktionsstörung im Genick ist schon im Ruhezustand festzustellen. Können wir erkennen, dass unser Pferd den Kopf nicht entspannt trägt? Der Kopf entweder zu gestreckt oder zu eng gebeugt ist? Beim Reiten merken wir es daran, dass sich das Pferd in der Stellung nicht zu einer Seite biegen lässt und sich im Genick verwirft oder nicht an das Gebiss herantritt. 

Eine unnatürliche Kopf- und Schweifhaltung ist ein Zeichen dafür, dass die Wirbelsäule nicht so ist, wie sie sein sollte. Sie kann auf eine Bewegungseinschränkung und/oder eine Schonhaltung der Wirbelsäule hindeuten. 

Nehmen wir mal an, das Pferd hat eine Blockade im Genick. Was macht es? Es dreht den Kopf, statt ihn zu stellen. Wir sehen zwar das innere Auge, aber nicht den inneren Nüsternrand. Es ist zwar möglich, eine Figur zu reiten, die einer Volte gleicht, aber korrekt ist sie nicht. Das Pferd kann sich nicht optimal um den inneren Schenkel biegen und wir müssen viel zu viel mit der Hand einwirken. 

Der Schweif sollte in der Bewegung entspannt getragen werden und locker hin und her pendeln. Trägt das Pferd seinen Schweif nicht mittig, kann das ein Anzeichen dafür sein, dass die Muskeln im Rücken auf einer Seite kürzer sind. Der Schweif wird zur verkürzten Seite hin getragen. Das Pferd kann als Folge der verkürzten Muskulatur auf der einen Seite Mühe haben, sich auf der anderen Seite zu dehnen um die erforderliche Längsbiegung zu bekommen. 

Anders gesagt, das Pferd trägt den Schweif nach links, aber wir als Reiter haben Probleme in der Längsbiegung nach rechts. 

Das Symptom des nicht mittig getragenen Schweifes kann sogar von einer Bewegungseinschränkung im Hals ausgelöst werden. Hier liegen also die Ursache und das Symptom weit auseinander. 

 

Wenn das Pferd über eine längere Zeit falsch belastet wird oder es zum Beispiel eine plötzliche Bewegung macht, die zu heftig für das Gelenk ist, werden die Weichteile, die um das Gelenk herumliegen, überbelastet oder überdehnt. 

Die Muskulatur, die um die Gelenke liegt, ist reich an Nerven/Rezeptoren, die die Länge der Muskeln messen. Werden diese Weichteile überfordert, setzt automatisch ein Schutzmechanismus ein. 

Das heißt, die Muskulatur verkürzt sich, um das betroffene Gelenk zu schützen. Dies kann nur kurzzeitig auftreten oder schlimmstenfalls bleibt die Muskulatur in diesem kontrahierten Zustand. Letzteres führt dann zu einer Blockade. 

Blockaden

Eine akute Blockade ist immer schmerzhaft. Diese Schmerzen lösen automatisch Muskelverspannungen aus, und das Pferd versucht eine Schonhaltung einzunehmen. 

All diese Faktoren führen zu einer  Durchblutungsstörung und zu sekundären Blockaden.

Verletzungen und Überbelastungen sind kaum vermeidbar. Mit der Zeit werden immer mehr Strukturen in diesen Teufelskreis einbezogen und die Zahl und Intensität der Probleme beim Pferd nehmen zu. 

Wir haben es sicher auch schon einmal an uns selbst erlebt. Wir wachen morgens auf und haben einen steifen Hals, können den Kopf weder drehen noch beugen. 

Das ist eine Blockade am Hals und die Schmerzen, die wir spüren, sind Verspannungen des Muskels, es ist nicht das Gelenk. 

Das Gelenk erfährt eine Bewegungseinschränkung, wir nennen es eine Blockade. 

Diese Blockade kann beidseitig sein oder auch nur einseitig. Übertragen auf das Pferd könnte dies bedeuten, wir reiten rechte Hand und es gibt kein Problem, aber auf der linken Hand fühlt es sich an. als wenn wir auf einem anderen Pferd sitzen würden. 

Hinweis: Die Knochen der kleinen Gelenke in der Halswirbelsäule passen nicht genau ineinander. Kleine Knorpelscheiben gleichen diese Passungenauigkeiten aus. Es wird angenommen, dass sie sich, wenn sie in ihrer Beweglichkeit zum Beispiel durch ein Trauma (Sturz, Schlag, Stoß) eingeschränkt werden oder sich verkanten, entzünden und so auch eine akute Blockade auslösen. 

Entsteht eine Blockade im Wirbelsäulenbereich, können Körperbereiche unterversorgt werden. Der Grund ist, dass der Nerv einen engen Kanal zwischen zwei Wirbel passieren muss, bevor er den Spinalkanal verlässt. 

Durch die Blockade des Wirbels schwellen die Weichteile im und um den Kanal an, es entsteht Druck auf den Nerv und die Verbindung zwischen Körper und Gehirn wird unterbrochen. 

Dies führt zu Koordinationsstörungen wie Stolpern und Taktfehler, Kraftverlust, Muskelverspannung, Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen, Leistungseinbußen und sogar zu Lahmheiten, da der komprimierte Nerv Schmerzen signalisiert. 

Wie bei Menschen, die den Ischiasnerv eingeklemmt haben, muss dieser Schmerz nicht im Rücken zu spüren sein, diese Patienten spüren Schmerzen unter anderem im Hüftgelenksbereich, Oberschenkel, im Kniegelenk bis hin zum Fußgelenk. Bei Pferden kann auch unnatürliches Schwitzen (runde nasse Stellen) ein Hinweis auf Blockaden in der Wirbelsäule sein. Das zeigt uns, dass Ursache und Symptom weit auseinander liegen können. 

Im akuten Stadium ist diese Muskelverspannung/Blockade sehr schmerzhaft, da die Muskulatur nicht mehr gut durchblutet und schnell übersäuert wird. Bleibt die Blockade über eine längere Zeit bestehen, verändern sich die betroffenen Weichteile. Die Muskeln "schlafen ein" und in dem verkürzten Zustand wirken sie wie ein Korsett, das das Gelenk umschließt. 

Das blockierte Gelenk kann sich nicht mehr optimal bewegen. 

Es selbst verursacht in diesem Zustand keine Schmerzen aber für den Bewegungsapparat ist es eine erhöhte Belastung, die schnell zu sekundären Verspannungen und Verletzungen führen kann. Irgendwo muss der Körper ja diese Bewegungseinschränkung ausgleichen. So müssen an anderer Stelle verstärkt Bewgungen, sogar "Überbewegungen" durchgeführt werden, was wiederum zu Überbelastungen dieser Gelenke führen kann und dadurch noch weitere Verletzungen/Bewegungseinschränkungen entstehen lässt. 

Es beginnt ein Teufelskreis und folglich können, ausgehend von einer primären Blockade, mit der Zeit mehrere sekundäre Blockaden oder Verletzungen entstehen. 

Gliedmaßen

Auch im Bereich der Gliedmaßen kann eine Blockade entstehen. Für alle Gelenke in diesem Körperbereich sind Beugen und Strecken die Hauptbewegungen. Fast alle Gelenke der Gliedmaßen können sich außerdem in begrenztem Umfang seitwärts und nach innen und nach außen drehen. Diese kleinen Bewegungen sind notwendig, um vollständige Bewegungen ausführen zu können. 

Das heißt, sind diese kleinen Bewegungen blockiert, ist das Pferd nicht in der Lage, maximale Streckung und Beugung mit dem betroffenen Gelenk auszuführen. Diese Kleinstbewegungen sind nicht nur für die Gliedmaßen bedeutend, sie sich unentbehrlich für alle Gelenke im Körper. 

Hinweis: Ein Gelenk, das blockiert ist, wird leichter auch schlechter mit Nähr- und Mineralstoffen versorgt. Hier entsteht eine Unterversorgung. 

Es gelangen keine neuen Nähr-/Mineralstoffe hinzu, vielmehr werden sie abgebaut. Ohne wichtige Bausteine werden die Knorpel abgebaut. 

Als Folge einer länger bestehenden Blockade können Gelenkarthrosen entstehen. Darüber hinaus wird die Muskulatur nicht belastet und verliert damit an Kraft und Elastizität. Der Abbau der Muskelmasse vollzieht sich recht schnell, schon nach drei Tagen ist er im Ultraschall nachweisbar.