Das Nervensystem des Pferdes

Das Gehirn ist der Zentralcomputer, der jeden Aspekt des Körpers kontrolliert und steuert. Die sogenannte Reizbarkeit ist ein charakteristisches Zeichen für den lebenden Organismus, wobei die Reizleitung und Reizbeantwortung das Nervensystem übernimmt. 

Allgemein kann man sagen, dass eingehende Reize über afferente Nervenbahnen zum zentralen Nervensystem geleitet werden und über efferente Nervenbahnen Informationen an die peripheren Erfolgsorgane gesandt werden. Dies gilt für jeden Vorgang, egal ob dies eine unwillkürliche Bewegung oder eine willkürliche Antwort auf einen Reiz ist. Das Nervensystem besteht aus einer unermesslichen Zahl von Nervenzellen, auch Neuronen genannt. gemeinsam transportieren sie Nachrichten durch den Körper, wie Telefonleitungen, die Nachrichten an einen Zentralcomputer leiten. 

Man kann sich das Nervensystem im Körper wie ein Bündel Stromleitungen vorstellen, das aus dem Kraftwerk (Gehirn) kommt. Aus diesem Bündel zweigen im Verlauf des Rückenmarks Kabelbündel ab, die zu den einzelnen Stadtgebieten (z.B. Vorderbein oder Hinterbein) ziehen. Innerhalb eines Stadtbezirks verzweigen sie weiter in die verschiedenen Straßenzüge (Muskeln), bis sie schließlich als einzelner Strang im Haushalt (Muskelfaser) ankommen. Das Rückenmark ist das große Kabelbündel, das noch zum zentralen Nervensystem zählt. Die Verzeigungen stellen dann das periphere Nervensystem dar. 

Beim Pferd, das las Bewegungstier gilt, sollten wir ein großes Augenmerk auf evtl. vorhandene Blockierungen richtigen, die eine beachtliche Wirkung auf das Nervensystem haben. Blockierungen sind reversible Funktionsstörungen von Wirbel oder Gelenken, die meist durch muskuläre Dysbalancen verursacht werden. 

Wie äußert sich so eine Blockierung?

Am häufigsten in Schmerz, aber auch durch geänderte Haltung oder Gang, Widersetzlichkeit oder Leistungs- verweigerung. Zudem verbraucht eine blockierte Körperseite oder ein blockierter Wirbel zusätzliche Energie. 

Verursachende Faktoren einer Blockierung können sein: Sattel, Trächtigkeit, zu intensives Training, reiterliches Fehlverhalten oder Stress. Auch kann der Reiter das Problem sein, denn das Pferd muss dessen Gewicht ausbalancieren. Viele Ursachen werden auch durch schlechtsitzendes Zaumzeug oder einen ungeeigneten Sattel (passt nicht, sitzt schief, liegt zu weit vorne) ausgelöst, ebenso spielt der unsachgemäße Gebrauch von Martingal, Ausbindern und Kappzaum eine wichtige Rolle. Gewaltsame Einwirkungen führen zu Wirbelsäulenverletzungen und Blockierungen. 

Auch eine unzureichende Hufpflege, überstehendes Horn, hohe Trachten oder zu kleine Hufeisen können die Haltung des Pferdes beeinträchtigen und dadurch Blockierungen auslösen. Die häufigsten Blockierungen sind die des Kreuz-Darmbein-Gelenks (KDG), die mit herkömmlichen Methoden kaum behoben werden können. Durch das tägliche Training bei Turnierpferden entstehen permanent kleinere Verletzungen an Gelenken, Knochen, Muskeln, Bändern und Sehnen. Wirbelsäulentraumata entstehen auch bei Schwergeburten (gewaltsame Geburtshilfe)

Eine Blockierung ist Schmerzhaft, das Pferd zeigt meist eingeschränkte Funktionen. Bei einer Blockierung der Wirbelsäule ist mindestens ein Wirbel nicht mehr in der physiologischen Stellung, er klemmt und drückt auf den Nerv. Dadurch wird die Beweglichkeit des Halses und des Rückens beeinträchtigt, ggf. so stark, dass Muskeln und evtl. auch die Nerven nicht ordnungsgemäß arbeiten. 

Nur wenn das Nervensystem funktioniert, arbeiten auch die einzelnen Organe und Gewebsabschnitte normal, d.h. sie können Krankheitserreger abwehren und verletztes Gewebe reparieren. Da das Nervengewebe sehr empfindlich ist, kann ein winziger Druck bereits ausreichen, um die Funktion eines Nervs zu stören und den Informationsfluss zwischen Gehirn und Körper  zu unterbrechen. 

Sehr häufig werden Nerven an den Austrittstellen aus der Wirbelsäule gequetscht. Weil das Zentralnervensystem sämtliche Organe und Gewebsverbände überwacht und steuert, muss der ungestörte neuronale Informationstransport in beide Richtungen gewährleistet sein, damit der Körper ordnungsgemäß funktionieren kann. 

Gestörte Nerven erzeugen lokale Schmerzen im Hals und Rücken oder im ganzen Bein (z.B. Ischiasneuralgie), sie bedingen aber auch eine unsaubere Koordinierung aller Körperfunktionen, z.B. der Muskelkontraktionen, Fehltritte bei mangelhafter Muskelkoordination können dazu führen, dass weitere Gelenke und Sehnen am Bein verletzt werden. 

Unterbrochene Nervenbahnen haben weitere Wirkungen, z.B. verminderte oder unregelmäßige Schweißbildung, gestörte Rosse oder chronische Bauchschmerzen. 

Wirbelblockierungen kann man vorbeugen, indem man durch intensive Schrittarbeit die Rückenmuskulatur kräftigt. Schrittreiten bergauf trainiert die Rückenmuskeln besonders gut. 

Nervenirritationen beim Austreten aus der Wirbelsäule sind häufig. Ragt ein Spondylophyt in das Nervenloch hinein, kann man nichts dagegen unternehmen. Halten verspannte Muskeln das an sich gesunde Wirbelgelenk zusammen, kann man sehr gut mithilfe der Manuellen Therapie Abhilfe schaffen. 

Ein Kommunikationssystem

Das Nervensystem ist das komplexeste Organsystem. Bestehend aus Gehirn, Rückenmark und einem dichten Netzwerk peripherer Nerven, koordiniert es mithilfe von Hochgeschwindigkeitsnervenimpulsen alle anderen Organsysteme und initiiert alle willkürlichen Bewegungen. Es kontrolliert bewusste Bewegungen und unbewusste Reflexe, Sinneswahrnehmungen, willkürliches Verhalten und unwillkürliche Funktionen wie den Herzschlag, die Atmung und die Verdauung. Das Nervensystem ist unterteilt in zwei Systeme die fortwährend miteinander kommunizieren und interagieren. 

Das Nervensystem besteht aus zwei Typen von Zellen, den Nervenzellen (Neuronen) und den Hüll- oder Stützzellen (Gliazellen). Die Nervenzellen haben eine typische Form mit einem Zellkörper und zwei Sorten Fortsätzen: kurze Dendriten, über die Signale in die Zelle kommen, und lange Axone, über die Signale an andere Zellen weitergeleitet werden. 

Innerhalb einer Nervenzelle werden Signale als elektrische Impulse übertragen. Zwischen zwei Nervenzellen oder am Ende eines Signalwegs befinden sich Synapsen, an denen die Signalübertragung chemisch abläuft, mithilfe von Transmittern. An einer Synapse kann das Signal immer nur in eine Richtung weitergeleitet werden. Das stellt sicher, dass sich der Weg nicht einfach plötzlich umkehren kann, sondern jede Nervenfaser eine Einbahnstraße ist. 

Nervenimpulse entstehen in sensorischen Rezeptoren überall im Körper, wenn diese auf Reize wie Berührung, Druck, Geräusche, Dehnung, Bewegung etc. reagieren. 

Neuronen sind über Synapsen über Kontaktstellen miteinander verbunden. Elektrische Impulse werden entlang der Dendriten und Axone weitergeleitet. an einer Synapse wird der Nervenimpuls durch einen chemischen Botenstoff (Neurotransmitter) auf die nächste Nervenzelle übertragen. 

Die Reizleitung benötigt nur Millisekunden, was fast augenblickliche Reaktionen auf Stimuli ermöglicht. Wird eine Nervenleitungsbahn wiederholt und regelmäßig genutzt, steigt die Zahl der Rezeptoren und Neurotransmitter, sodass Bewegungen natürlicher und leichter werden. Bei Inaktivität sinkt sie wieder und die Bewegung wird weniger flüssig. 

Berührt der Schenkel des Reiters die Pferdehaut, leiten Druckrezeptoren diese Information zum Gehirn. 

Wir kommen im Galopp um die Kurve, und sehen den Sprung, reiten direkt auf ein Hindernis zu und müssen Entscheidungen treffen und reagieren. Im Bruchteil einer Sekunde erfassen wir den Abstand, entscheiden, ob wir vorwärtsreiten, zurücknehmen oder einfach "passiv" sitzen bis zum Sprung. Unsere Entscheidungen müssen für das Pferd erkennbar sein, von seinem Nervensystem aufgefangen, bewertet und in gezielte Bewegung umgesetzt werden. 

Wir können die unglaubliche Komplexität dieser Funktion bewundern. Es handelt sich hier um Millionen von Informationen, die jedem noch so kleinen Vorgang in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit vorausgehen. 

Um ein Hindernis korrekt anzureiten, ist eine gute Körpersprache zwischen Reiter und Pferd notwendig

Das Nervensystem ist die Leitungs- und Steuerungszentrale bei allen Lebewesen. Pferde, als Fluchttiere, müssen eine schnelle und effiziente Kommunikation innerhalb des Körpers besitzen, um zu überleben. Der ausgeprägte Fluchtreflex des Pferdes wird durch das Nervensystem gesteuert, ebenso alle anderen Funktionen des Pferdekörpers, wie z.B. Muskelkontraktion, Verdauung, Blutzirkulation und Herzfrequenz. 

In der Physiotherapie nehmen wir großen Einfluss auf das Nervensystem und können hierüber Stoffwechselsteigerung, Entspannung und Schmerzlinderung erreichen. 

Nerven

Das Nervengewebe an sich ist schmerzunempfindlich. Aber die umgebenden Häute der Nerven sind schmerzempfindlich. So kommt es häufig vor, dass stark verspannte Muskeln, z.B. der Kruppe, die Nerven in ihrem Weg einengen und irritieren. 

Massage und Ursachenentfernung können diese Problematik einfach lösen. diese Nervenscheiden können mit der Zeit in einem immobilisierten chronisch entzündeten Gewebe zusammen mit den Faszien verkleben. Das ist äußerst schmerzhaft. Durch durchblutungsfördernde Massagen, Release-Dehnung und geschmeidiges Bewegen sind solche Verklebungen manchmal mit der Zeit lösbar. 

Zudem gibt es weitere Rezeptoren, die z.B. Schmerzen, Veränderung der chemischen Zusammensetzung im Gelenk und in einem Muskel, Druck auf der Haut und unter dem Huf, Kälte, Wärme usw. melden. all diese Informationen werden sofort verarbeitet und in die Bewegungsplanung, die aus dem Gehirn kommt, einbezogen, um dann sinnvoll koordiniert die Bewegung ausführen zu lassen. 

 

Es ist für das Nervensystem eine enorme Rechenleistung alle Bewegungen zu einem sinnvollen Zusammenspiel zu koordinieren. Allein der Schritt ist eine koordinative Aufgabe: Das Gelenk muss stabilisiert, das andere vorgehoben, das nächste gebeugt, wieder ein anderes gestreckt werden, und jedes Mal müssen die einzelnen Muskeln anders angesprochen werden. 

Würden wir uns dafür ein Modell bauen und könnten wir es mithilfe von Informatikern tatsächlich sinnvoll vorwärtsbewegen, so wäre trotzdem das ganze Projekt verloren, wenn etwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt, ein Stein, ein schiefes Gelände, ein Huftritt, ein Ausweichmanöver, eine besondere Kopfdrehung mit Gleichgewichtsverschiebung. 

Wissenschaftler, die an bewegungsfähigen Robotern bauen, wissen um dieses Problem. Es ist eine Meisterleistung des Nervensystems, aus einer Strudelbewegung in einem Gewässer zu einem fein abgestimmten Muskelspiel auf unebenen Terrain im Galopp zu kommen, sodass das Tier in absolutem Gleichgewicht befähigt bleibt, sofort das Manöver zu ändern. 

Wie funktioniert das?

Aus dem Hauptrechenzentraum, dem Gehirn, kommen die Bewegungsimpulse, die Motivation, eine bestimmte Bewegung durchzuführen und die Bewegungsplanung. Die Planungen werden an das Rückenmark weitergegeben und diese gibt die Informationen gut sortiert, gefiltert und koordinativ sinnvoll über die Nerven an den einzelnen Muskel weiter. Nun müssen aber noch die vielen aktuellen Begebenheiten in die Rechnung mit eingeplant werden. 

Vielleicht kippt unser Pferd gerade nach links. Also ist eine Gegenmaßnahme zu organisieren. Das linke Vorderbein muss schnell zur Seite gebracht und dessen Muskel stabilisiert werden. Dabei gerät der Huf auf einer Seite auf einen Stein, die Gliedmaße droht zu kippen, wieder müssen Muskeln dagegen ziehen. Zu diesem Zweck hat das Nervensystem zahlreiche Melder, die Propriozeptoren, die eine Spannung oder Verlängerung eines Muskels, eine Stellungsänderung im Gelenk melden. Diese Steuerung im Bewegungsapparat nennt man Propriozeption. 

Wie bereits angesprochen, kommt es durch Krankheitsprozesse zu Veränderungen in den Nervenzellen, die sich in folgender Weise zeigen können:

  • sie führen unmittelbar zu Ausfallerscheinungen
  • sie führen zu einem Erregungszustand
  • sie führen zu einer Freisetzung hemmender Einflüsse, oder
  • sie führen zu Kompensationserscheinungen

Diese Veränderungen im Bereich des Stoffwechsels einer Nervenzelle sind für die einzelnen Nervenzellen nicht unbedingt gleich, wodurch eine Unterscheidung und Zuordnung zu den Abschnitten des zentralen Nervensystems erfolgen kann. 

Zusammenfassung

  • das zentrale Nervensystem besteht aus Gehirn und Rückenmark
  • es kontrolliert alle Aktionen, Reaktionen und Verhaltensweisen
  • das Neuron ist die kleinste Einheit des Nervensystems
  • Nerven leiten Signale vom Gehirn zu den Muskeln und Organen
  • das Gehirn mach 0,1 % des Körpergewichts aus
  • die Sinne sammeln Informationen
  • die Kampf- oder Fluchtreaktion ist auch bei domestizierten Pferden noch stark ausgeprägt
  • Pferde haben nicht die Hirnkapazität, um zu planen oder vorauszudenken. Sie können nur auf Situationen reagieren
  • das Nervensystem reagiert gut auf Physiotherapie
  • eine ruhige Stimmung, Wiederholungen und immer gleiche Hilfen sind der Schlüssel zum Trainingserfolg